Bei der Auswertung von Überwachungsaufnahmen ist die Kernfrage stets die exakte zeitliche Einordnung. Entgegen weitverbreiteter Annahmen entspricht der im Bild eingeblendete Zeitstempel (OSD) selten der tatsächlichen Uhrzeit. Standalone-DVR- und NVR-Geräte weisen in der Praxis fast ausnahmslos Abweichungen von mehreren Minuten auf.
Die physikalische Ursache liegt in der RTC-Hardware. Die dort verbauten 32,768-kHz-Quarzoszillatoren reagieren empfindlich auf thermische Schwankungen. In Serverschränken führt dies zu Frequenzdriften von 20 bis 50 ppm (parts per million), was einem täglichen Zeitversatz von 1 bis 2,5 Sekunden entspricht. Nach wenigen Monaten summiert sich dieser Fehler auf beträchtliche Abweichungen.
In geschlossenen Sicherheitsnetzen ohne Anbindung an einen externen NTP-Server fehlt zudem der regelmäßige Zeitabgleich. Zeitumstellungen zwischen Sommer- und Normalzeit verstärken die Diskrepanzen zwischen verschiedenen Kamerasystemen.
Mathematische Drift-Korrektur
Um eine technisch belastbare Chronologie zu erstellen, wird folgendes Verfahren angewandt: 1. Referenzmessung gegen Atomuhr: Die OSD-Anzeige der Kamera wird zusammen mit einer verifizierten UTC-Referenzzeit erfasst. 2. Bestimmung von Delta-T (ΔT): Die Differenz wird über $\Delta T = T_{\text{DVR}} - T_{\text{Ref}}$ exakt berechnet. 3. Drift-Interpolation: Bei mehrtägigen Aufnahmen wird die Drift-Steigung ermittelt, um jeden Frame zeitlich präzise zuzuordnen.
Auf diese Weise lassen sich Videozeitstempel exakt mit Zutrittsprotokollen und IT-Systemprotokollen abgleichen.